Zum Konzert paddeln?

Es war mir bisher nie in den Sinn gekommen, dass man meine beiden Hobbies Kajakfahren und irische Musik miteinander verbinden könnte. Das änderte sich ziemlich genau am 22.4.2012. Ich war dabei zu planen, wie und mit wem ich zum Konzert der “Chancers” auf die Batavia, das Theaterschiff in Wedel (Hamburg), kommen würde. Mit dem Auto über Hamburg eine reine Weltreise, mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine unsichere Irrfahrt, und mit der Lühe-Schulau-Fähre? – Die fährt ab 18:00 Uhr nicht mehr.
Da kam dann die Idee. Es hat ja auch viel mehr Stil, mit einem Boot zum Schiff zu fahren! Wieso nicht mit dem Kajak? Es sind nur ca. 15 km von Stade. Als ich dann mit Hilfe der kleinen blauen Paddlerbibel feststellte, dass die Tidenzeiten nicht besser hätten sein können, stand für mich fest: Diese Tour will gemacht werden.

Von den Stader Vereinskanuten hagelte es freundliche Absagen. Dann fiel mir der NSB ein. Dieser grandiose Verein hatte ja letztes Jahr schon mal bewiesen, dass es tatsächlich auch Bremer gibt, die sich mal aus Bremen heraus in die nördliche Richtung wagen. So also auch dieses Mal. Willie war dabei. Wir kannten uns zwar nicht, aber jemand, der auf so eine Aktion Lust hat, konnte nicht verkehrt sein. Da war ich mir sicher – und ich lag richtig.

Ich holte ihn am Freitag Nachmittag vom Stader Bahnhof ab und dann kurvten wir zum Stader Verein. Ein passendes Kajak für Willie war schnell gefunden und vor einem bedrohlich dunklen Himmel packten wir unsere Boote. Über Wedel war der Himmel aber blau und die regenschwangeren Wolken ließen wir fröhlich auf der niedersächsischen Elbseite.

Auf der Elbe pustete eine gute Brise aus Südost und versorgte uns mit Gegenwind und etwas Welle. Hinter Lühesand wurde es ruhiger. Am Ende der Insel querten wir das Fahrwasser. Ich liebe diese Stimmung auf der Elbe mit den großen Containerschiffen, den Seglern, den Seezeichen, den Seevögeln und den Inseln inmitten dieses weiten Himmels.

Eine Reihe von Priggen zeigte uns den Weg in die Wedeler Au. Das auflaufende Wasser schoss in einer beachtlichen Geschwindigkeit durch das kleine Sperrwerk und hinter dem Deich änderte sich schlagartig die Stimmung. Das Wasser war spiegelglatt und wir glitten mit leisem Geplätscher an Schafen und Windmühlen vorbei. Wenig später wand sich die Wedeler Au malerisch durch einen Schilfgürtel bevor wir an unserem ersten Ziel ankamen, dem Motorbootclub Schulau, dem schönsten Naturhafen an der Unterelbe (laut Hafenmeister). Während wir unsere Zelte aufbauten, wurden wir vom ersten Vorsitzenden fürsorglich mit erfrischendem Dithmarscher und norddeutschem Unterelbeklönschnack versorgt.

Die Batavia lag noch einen knappen Kilometer weiter flussaufwärts. Wir wussten zwar, dass bei der Batavia ein Schlengel zum Anlegen ist, aber wir waren nicht sicher, wie groß das Zeitfenster ist, in dem der Schlengel auch wirklich schwimmt, denn die Wedeler Au läuft bei Ebbe fast leer und hinterlässt nichts außer ein weiches Schlickbett. Wir waren daher kurz am Zögern, ob wir nicht doch besser zu Fuß zur Batavia laufen sollten, doch die Abenteuerlust siegte und so saßen wir kurze Zeit später wieder in den Booten.

Das Konzert war ausgebucht und auf dem kleinen, urigen, alten Flusskanonenboot saßen die Zuhörer dicht gedrängt. Der letzte freie Platz war direkt vor der Bühne, wo die fünf Musiker völlig unplugged ihr bestes gaben und die Gesellschaft mit viel Humor und Können durch ihre drei Sets führten. In dieser Atmosphäre schmeckte das Guinness besonders gut und die Füße wippten automatisch im Takt. In den kurzen Pausen waren wir mit den Kajaks immer wieder Thema und kamen mit vielen Leuten ins Gespräch.

Gegen Mitternacht war die letzte Zugabe gegeben und wir schwankten glücklich über den schwankenden Schlengel in unsere Kajaks. Es war noch ausreichend Wasser da. Nachts zu paddeln ist immer wieder faszinierend. Den Flusslauf erkannte man nur daran, dass sich der etwas hellere Himmel im Wasser spiegelte. Mit einem Gefühl der Schwerelosigkeit schwebten wir mit dem ablaufenden Wasser und kaum Paddelschlägen zurück zum Motorbootclub. Dort waren wir schnell in den Schlafsäcken. Aber statt lieblichem, irischen Gedüdel im Kopf hatten wir die Partymucke eines Jahrmarktes um die Ecke in den Ohren.

Am nächsten Morgen platterte der Regen auf die Zelte und wir verkrochen uns für das Frühstück im Clubhaus mit bunt zusammengewürfeltem Mobiliar und Radio NDR1-Welle Nord.

Gegen 9:00 Uhr ließ der Regen nach und der Fluss begann abzulaufen. Das war das Zeichen zum Aufbruch. Kurze Zeit später waren wir wieder auf dem Wasser. Mit dem Ebbstrom flitzten wir durch das Sperrwerk und waren dann wieder auf der Elbe. Zuerst blieben wir am Nordufer. Von Hamburg her war eine endlose Perlenkette an weißen kleinen Segeln flußabwärts unterwegs; von der Nordsee kam ein kleines Containerschiff die Elbe hoch. Wir passierten rote Tonnen und Kardinalzeichen und sogar ein Seehund ließ sich blicken.
Hinter Lühesand querten wir wieder das Fahrwasser. Wenig später ließen wir das abgestellte Stader AKW links liegen und bogen schließlich wieder in die Schwinge ein. Beim Stader Verein hieß es Boote auspacken, putzen, wegräumen und dann selbst unter die wohlverdiente Dusche. Schließlich brachte ich Willie wieder zur Bahn.

Wir waren uns einig, dass es eine sehr gelungene spontane Tour war, die man gut mit mehreren Leuten wiederholen könnte. Ich werde mal schauen, wann die nächste nette Aktion auf der Batavia mit passender Tide zusammenfällt…

Text und Fotos von Julia.

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